Erfolgreich die AfD ausgebremst? Die Weigerung der etablierten Parteien, den Rechten einen Posten als Parlamentsvize zu gewähren, bleibt unwürdig

Die AfD ist mit einem Eil­an­trag vorm Ver­fas­sungs­ge­richt aus for­ma­len Grün­den geschei­tert. Doch die Ent­schei­dung der höch­sten deut­schen Rich­ter ist kein Erfolg der ande­ren Par­tei­en, im Gegenteil.

Erst haben die ande­ren Par­tei­en der AfD im Par­la­ment kon­se­quent den Posten des Vize­prä­si­den­ten vor­ent­hal­ten, jetzt hat auch noch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt einen ent­spre­chen­den Eil­an­trag der Rechts­par­tei zurück­ge­wie­sen – trotz­dem wäre es falsch, dies als Sieg der eta­blier­ten poli­ti­schen Kräf­te oder gar der Demo­kra­tie zu fei­ern. Beim Ver­such, die eige­ne, ver­meint­lich rich­ti­ge Gesin­nung ins Schau­fen­ster zu stel­len, ver­hal­ten sich die Abge­ord­ne­ten eines selbst­be­wuss­ten Par­la­ments unwürdig.

Die AfD ist seit der Bun­des­tags­wahl 2017 mit ins­ge­samt 6 vor­ge­schla­ge­nen Kan­di­da­ten in 18 Wahl­gän­gen geschei­tert, weil sich die Abge­ord­ne­ten der ande­ren Frak­tio­nen schlicht wei­ger­ten, sie zu wäh­len. Dabei wur­den die Kan­di­da­ten über­wie­gend gar nicht für ihre Posi­tio­nen oder ihr Auf­tre­ten kri­ti­siert, son­dern allein wegen ihrer Nomi­nie­rung durch die AfD abgelehnt.

Die AfD ist kei­ne ver­bo­te­ne Partei

Die Legis­la­tur­pe­ri­ode ist unter­des­sen fast vor­bei, doch auch in der näch­sten wird sich die Fra­ge stel­len: Hat die AfD Anspruch auf einen Posten als Bun­des­tags­vi­ze? Die Fra­ge ist rele­vant. Der Prä­si­dent des Par­la­ments beklei­det immer­hin das zweit­höch­ste Staats­amt. Um zu errei­chen, was allen ande­ren Frak­tio­nen, inklu­si­ve der zum Teil sehr radi­ka­len Links­par­tei, mit Selbst­ver­ständ­lich­keit zuge­stan­den wird, haben die Rech­ten in die­ser Legis­la­tur alle Regi­ster gezo­gen. Es fol­gen noch zwei Hauptsacheverfahren.

Zur Erin­ne­rung: Die AfD ist kei­ne ver­bo­te­ne Par­tei. Es ent­spricht dem Wil­len vie­ler Wäh­ler, dass sie im Par­la­ment ver­tre­ten ist. Sie erhielt vor vier Jah­ren rund 5,8 Mil­lio­nen Zweit­stim­men – deut­lich mehr, als FDP, Grü­ne oder Lin­ke jeweils für sich rekla­mie­ren konn­ten. Sou­ve­rä­ne Par­la­men­ta­ri­er wür­den die Form wah­ren und die neue Kon­kur­renz statt über For­ma­li­en über Inhal­te stellen.

Für Letz­te­res lie­fern deren Ver­tre­ter fast täg­lich Argu­men­te frei Haus. Ein AfD-Par­la­ments­vi­ze müss­te zudem auch Mit­glie­dern der eige­nen Frak­ti­on Ord­nungs­ru­fe ertei­len und ihnen das Wort ent­zie­hen, wenn sie sich wie­der ein­mal unflä­tig äusser­ten. Der Posten wür­de die Par­tei also zwin­gen, sich selbst öffent­lich zu mass­re­geln und sich in der Fol­ge mög­li­cher­wei­se auch zu mässigen.

Tole­ranz stösst in der Rea­li­tät an Grenzen

Die Ver­wei­ge­rungs­hal­tung der ande­ren Par­tei­en zeigt indes die Zwei­schnei­dig­keit des «vir­tue signal­ling», also des Zur­schau­stel­lens der eige­nen, ver­meint­lich über­le­ge­nen Moral: Man ist der Über­zeu­gung, man ste­he für die «rich­ti­gen» Wer­te ein. Doch in der Rea­li­tät stösst die Tole­ranz schnell an Grenzen.

Der Par­la­men­ta­ris­mus dient dazu, ein hand­lungs­fä­hi­ges Gre­mi­um aus Per­so­nen zu bil­den, deren Ansich­ten sich oft dia­me­tral wider­spre­chen. Die­ses Gre­mi­um reprä­sen­tiert das Volk, von dem wie­der­um alle Staats­ge­walt aus­geht. Dies erfor­dert, dass die Mehr­heit der Min­der­heit eine gewis­se Grö­sse ent­ge­gen­bringt und sich eben nicht auf ein Niveau begibt, das dem schlich­ten «Blocken» in sozia­len Netz­wer­ken ent­spricht. Im Gegen­teil, die Aus­ein­an­der­set­zung muss geführt wer­den. Andern­falls wen­den sich die Wäh­ler der Aus­ge­grenz­ten irgend­wann ab, und das ist dann wirk­lich eine Gefahr für den Parlamentarismus.

Benach­tei­li­gung spielt AfD in die Hände

Dass sie for­mal benach­tei­ligt und aus­ge­bremst wird, spielt der AfD zudem in die Hän­de, und die dadurch ermög­lich­te Insze­nie­rung als ver­folg­te Unschuld bringt ihr erfah­rungs­ge­mäss Bonus­punk­te bei vie­len Wäh­lern. Oft genug ist es der Par­tei so gelun­gen, sich als Hüte­rin von Frei­heit und Ver­fas­sung auf­zu­spie­len. Man den­ke etwa an die geschei­ter­ten Ver­su­che meh­re­rer Lan­des­re­gie­run­gen, mit «Pari­täts­ge­set­zen» soge­nann­te geschlech­ter­ge­rech­te Wahl­li­sten durch­zu­set­zen. Die Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te inter­ve­nier­ten – nach Kla­gen der AfD.

Und noch etwas soll­te jeder Abge­ord­ne­te beden­ken: Sobald er gewählt ist, ist er laut Grund­ge­setz Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes, also auch ein Ver­tre­ter der AfD-Wähler.


Fati­na Kei­la­ni, Redak­to­rin im Ber­li­ner Büro der «NZZ»
Foto: Shan Yuqi / ima­go stock&people

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