Mitleid ist der falsche Weg, die globalen Probleme aus der Welt zu schaffen

Wir ver­ste­hen Tole­ranz falsch, und die gän­gi­gen Lösungs­vor­schlä­ge las­sen die Wur­zeln der Miss­stän­de unan­ge­ta­stet. Eine Pole­mik von Sla­voj Žižek.

Jeder ech­te Lin­ke soll­te sich an die Wand über sei­nem Bett oder sei­nem Tisch die ein­lei­ten­den Wor­te aus Oscars Wil­des «Der Sozia­lis­mus und die See­le des Men­schen» hän­gen. Der iri­sche Schrift­stel­ler macht dar­in deut­lich, dass es «viel ein­fa­cher ist, Mit­ge­fühl fürs Lei­den zu ent­wickeln als Lie­be zum Denken».

Men­schen sähen sich umge­ben von Armut und Hun­ger – es sei unver­meid­lich, dass sie die­se Miss­stän­de zu bekämp­fen ver­such­ten. «Aber ihre Heil­mit­tel kurie­ren die Krank­heit nicht, sie ver­län­gern sie bloss. In der Tat, die Mit­tel sind Teil der Krank­heit.» Das eigent­li­che Ziel müs­se sein, eine Gesell­schaft auf­zu­bau­en, in der Armut unmög­lich sei. Doch gera­de der Altru­is­mus ste­he dem im Weg. Es sei «unmo­ra­lisch, Pri­vat­ei­gen­tum dazu zu ver­wen­den, die fürch­ter­li­chen Schrecken zu behe­ben, die aus der Insti­tu­ti­on Pri­vat­ei­gen­tum resultieren».

Gegen die leicht­fer­ti­ge Toleranz

Der letz­te Satz lie­fert eine prä­zi­se Beschrei­bung des­sen, was falsch ist an Stif­tun­gen wie der von Bill und Melin­da Gates. Es genügt nicht, her­aus­zu­strei­chen, dass vie­le Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen auf Geschäfts­prak­ti­ken beru­hen, die nicht über alle Zwei­fel erha­ben sind. Man soll­te einen Schritt wei­ter­ge­hen, es gilt die ideo­lo­gi­schen Grund­la­gen sol­cher Ein­rich­tun­gen anzu­pran­gern; die Hohl­heit ihres Panhumanismus.

Der Titel eines Essay­ban­des von Sama Maa­ni bringt die Kri­tik auf den Punkt. Er lau­tet «Respekt­ver­wei­ge­rung. War­um wir frem­de Kul­tu­ren nicht respek­tie­ren soll­ten. Und die eige­ne auch nicht» (Dra­va-Ver­lag, 2015). Das ist der ein­zi­ge authen­ti­sche Stand­punkt in die­ser Fra­ge – gera­de im Ver­hält­nis zu den drei wei­te­ren mög­li­chen Vari­an­ten. Die Gates-Stif­tung ver­tritt impli­zit die Auf­fas­sung: Respek­tie­re alle Kul­tu­ren, dei­ne eige­ne und die ande­rer. Die Losung der natio­na­li­sti­schen Rech­ten hin­ge­gen ist: Respek­tie­re dei­ne eige­ne Kul­tur, ver­ach­te alle ande­ren, ihr unter­le­ge­nen. Die poli­tisch kor­rek­te Ver­si­on wie­der­um besagt, man sol­le ande­re Kul­tu­ren respek­tie­ren, die eige­ne – ras­si­sti­sche und kolo­nia­li­sti­sche – aber ver­ach­ten. (Hier­in liegt auch der Grund, wes­halb die poli­tisch kor­rek­te Woke-Kul­tur stets anti­eu­ro­zen­trisch ist.)

Die ange­mes­se­ne lin­ke Posi­ti­on ist jedoch eine ande­re. Sie lau­tet: Arbei­te die ver­steck­ten Ant­ago­nis­men dei­ner eige­nen Kul­tur her­aus, ver­bin­de sie mit den Wider­sprü­chen in ande­ren Kul­tu­ren. Tre­te dann in den gemein­sa­men Kampf derer ein, die gegen die Unter­drückung und Knecht­schaft in der eige­nen Kul­tur vor­ge­hen, und derer, die das­sel­be in ande­ren Kul­tu­ren tun.

Das heisst – und es mag sich schreck­lich anhö­ren, aber man soll­te dar­auf insi­stie­ren: Du musst Ein­wan­de­rer nicht ach­ten oder lie­ben. Statt­des­sen gilt es, die Umstän­de zu ver­än­dern – dahin­ge­hend, dass sie nicht mehr sein müs­sen, was sie sind. Der Bür­ger eines Indu­strie­staa­tes, der sich weni­ger Migran­ten wünscht und sich gegen ihr Kom­men (in ein Land, das sie meist nicht ein­mal mögen) enga­giert, ist dem huma­ni­tä­ren Men­schen­freund vor­zu­zie­hen. Die­ser pre­digt Offen­heit für Ein­wan­de­rer, nimmt aber still­schwei­gend die wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ver­hält­nis­se hin, wel­che die Her­kunfts­län­der in den Ruin treiben.

Komm mir nicht zu nahe

Vor eini­gen Jah­ren fiel mir in einem Laden in Los Ange­les ein Scho­ko-Abführ­mit­tel in die Hän­de. Auf der Tafel stand die para­do­xe Auf­schrift: «Lei­den Sie unter Ver­stop­fung? Essen Sie mehr von die­ser Scho­ko­la­de!» Also von einer Sache, die zu Ver­stop­fung führt. Der Struk­tur­auf­bau des Scho­ko-Abführ­mit­tels – ein Pro­dukt ent­hält den Wirk­stoff gegen sei­ne nega­ti­ven Effek­te – fin­det sich auch in der ideo­lo­gi­schen Land­schaft der Gegen­wart. So bestim­men zwei The­men­fel­der die gän­gi­ge, links­li­be­ra­le Tole­ranz gegen­über ande­ren. Das Respek­tie­ren von und die Offen­heit gegen­über Anders­heit – und die obses­si­ve Angst vor Belä­sti­gung. Kurz, das ande­re ist anzu­neh­men, solan­ge es nicht auf­dring­lich ist. Das heisst aber auch: nur wenn es nicht wirk­lich anders ist.

In strik­ter Über­ein­stim­mung mit der para­do­xen Struk­tur des Scho­ko-Abführ­mit­tels deckt sich die­se Tole­ranz mit ihrem Gegen­teil: Mei­ne Pflicht, gegen­über dem ande­ren tole­rant zu sein, bedeu­tet, dass ich ihm nicht zu nahe tre­ten, nicht in sei­ne Sphä­re ein­drin­gen soll­te. Ich muss sei­ne Into­le­ranz gegen­über mei­nem unge­nü­gen­den Abstand­hal­ten respek­tie­ren. Das ist, was sich mehr und mehr als das zen­tra­le «Men­schen­recht» in der heu­ti­gen Gesell­schaft erweist: das Recht, nicht «belä­stigt» zu wer­den, in siche­rer Distanz von ande­ren zu bleiben.

Wir sind unser Feind

Eine ähn­li­che Struk­tur fin­det sich in unse­rem Ver­hält­nis zum Pro­fit­ma­chen. Wir akzep­tie­ren es, solan­ge mit Wohl­tä­tig­keit Gegen­steu­er gege­ben wird; zuerst wer­den Mil­li­ar­den geschef­felt, dann (ein Teil davon) an die Bedürf­ti­gen zurück­ge­ge­ben. Das Glei­che gilt für die her­auf­kom­men­de Logik eines huma­ni­tä­ren oder pazi­fi­sti­schen Mili­ta­ris­mus: Krieg ist okay, sobald er dazu dient, Frie­den oder Demo­kra­tie zu ver­brei­ten, oder er huma­ni­tä­rer Hil­fe den Weg bahnt. Und beob­ach­ten wir das­sel­be nicht auch zuneh­mend bei der Demo­kra­tie und den Men­schen­rech­ten: Letz­te­re sind okay, wenn sie – neu «inter­pre­tiert» – Fol­ter und einen per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand zulas­sen; Demo­kra­tie ist gut, wenn sie sich aller popu­li­sti­schen «Exzes­se» ent­le­digt und auf jene beschränkt wird, die «reif» genug sind?

Die Kri­se, in der wir stecken, ist zu ernst, als dass wir sie mit Scho­ko-Abführ­mit­teln bekämp­fen dür­fen. Wir brau­chen bit­te­re Abführ­mit­tel. Wir befin­den uns (noch) nicht in einem Krieg, aber wir stecken womög­lich in einer viel gefähr­li­che­ren Situa­ti­on: Wir bekämp­fen nicht den Feind, der ein­zi­ge Feind sind wir selbst.


Sla­voj Žižek ist Phi­lo­soph und zählt zu den besten Hegel-Ken­nern der Gegen­wart. Jüngst ist von ihm das Buch «Pan­de­mie! II. Chro­nik einer ver­lo­re­nen Zeit» (Pas­sa­gen-Ver­lag, 2021) erschie­nen. – Über­set­zung aus dem Eng­li­schen von mml.

© Foto: San­ti Don­aire / Ima­go | NZZ vom 10.8.2021.

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